Momente eines Monuments

Falter 41/97

 

Leons Askin – (Über)Leben und Schauspiel

In seiner bewegenden Dokumentation  zeichnet Egon Humer ein Porträt des neunzigjährigen Schauspielers, das über Hollywood-Anekdoten hinausgeht. Michael Omasta


Eines, meine Herren, wolle er von Anfang an gleich einmal klarstellen. Er war vielleicht nie ein Superstar, meine Herren, aber er war doch ein Star, und zwar immer: "I‘ve always been a star." Als ob es gestern gewesen wäre, ist mir diese erste Begegnung mit Leon Askin in guter, schlechter Erinnerung geblieben. Sie fand im Foyer des Hotel Hilton, am Rande der Viennale 92 statt, und schon mit unserer allerersten Frage schienen wir, mein Kollege Christian Cargnelli und ich, ganz kräftig danebengehaut zu haben. Unser Gegenüber, seine polternde Richtigstellung ließ keinerlei Zweifel daran, sah seine Karriere offensichtlich etwas anders als "meine Herren", denen er vor allem von seinen Gastauftritten in unzähligen Fernsehserien und in der Regel eher bescheidenen Rollen in eher durchschnittlichen Hollywood-Filmen her bekannt war.

Geraume Zeit später erzählte mir der Filmemacher Egon Humer von seinem Plan, eine Dokumentation über den seit damals wieder in Wien lebenden Schauspieler zu drehen. Die Herausforderung, der Humer sich mit diesem Film gestellt hat, lag darin, nicht einmal mehr die "Legende" Askin zu verbreiten, sondern Leben und Arbeit des heute Neunzigjährigen ganz unmittelbar, ohne jede Stilisierung, in Bilder zu übersetzen. Ein schwieriges Unterfangen. Wie nahe würde Askin ein Kamerateam an sich heranlassen? Und wieviel Disziplin würde es sämtlichen Beteiligten abverlangen, hinter den über Jahrzehnte hinweg gepflegten und nicht selten zu puren "Anekdoten" gefrorenen Erinnerungen auch noch etwas anderes, wenn man so will: den "wahren" Leo Aschkenasy zu entdecken?

Irgendwann im Verlauf der Dreharbeiten, vermute ich, muß Egon Humer an derselben Frage angelangt sein, die wir Askin fünf Jahre zuvor über seine Hollywood-Karriere gestellt hatten. Im Film ist lediglich die Antwort zu hören, aber vielleicht erschien sie mir gerade deshalb umso verblüffender: "Ich war ja kein Star. Ich war ein supporting player, ein Charakterspieler."

Die Dokumentation "Leon Askin – (Über)Leben und Schauspiel" setzt dort an, wo "Emigration, N.Y." 1995 endete. Ähnlich dem zweiten Teil dieses Films, der mit seinen zwölf Interviews das Bild eines "Europa in Amerika" von Österreichern jüdischer Herkunft in der Emigration entwirft, geht auch Humers neue Arbeit von der Jetztzeit, dem Juni 1996, aus. Die ersten Szenen zeigen Leon Askin, an den Rollstuhl gefesselt, aber noch das (alleinige) Kommando führend. "Und Action!" – Schon muß der Charakter dasein: Askin erteilt sich die erste Regieanweisung sozusagen selbst – aber soll er überhaupt spielen?

Der Blick der Öffentlichkeit ruht auf ihm, insbesondere, seit er wieder hier ist, und natürlich weiß er, was man sich in der Öffentlichkeit von ihm erwartet. "Der Bundesminister", allerdings, ruft Askin dem Fahrer des zu spät kommenden Wagens vom Samariterbund zu, "Der Herr Bundesminister wartet nicht." Kleiner Empfang im Kunstministerium. Leon Askin sitzt neben Rudolf Scholten, wir hören zwei, drei Sätze aus der Festrede. Eine Geste, gut gemeint natürlich, aber leer. Sieht man die einst Vertriebenen so nicht am liebsten? Alt und dankbar?

Ein Schnitt beendet dieses Zeremoniell, noch ehe der Titel "Professor" richtig verliehen ist. Von da an widmet der Film sich dem Alltag des Schauspielers: Leon Askin in seinem Logis im Altersheim und Leon Askin bei seiner Arbeit

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Wiederholt sehen wir, wie er von seinen Betreuern in einen Wagen gehievt wird und Abend für Abend hinausfährt in die ehemalige Villa der Familie Zuckerkandl, das Sanatorium Purkersdorf. Dort steht er als "Zeitzeuge" in Paulus Mankers Inszenierung von "Alma – A Show biz ans Ende" auf der Bühne. Abend für Abend, mit leichten Variationen, derselbe Text. Es ist ein intelligenter Kunstgriff, auf den der Film (nach Mankers Regieeinfall) hier zurückgreift. Zeugenschaft, auch im Sinne einer theatralen Ausdrucksform: Es gibt kein präziseres Bild dafür, wie eng "(Über)Leben und Schauspiel" in Askins Biografie, bis heute, miteinander verknüpft sind. (Denn was Alma Mahler betrifft, kannte er sie tatsächlich.)

 

Eigentlich, meint Askin einmal, habe er sich seinen Erfolg "eraltert". Mag sein, daß ihn die Sechziger – als er sechs Jahre lang den Lagerkommandanten General Burkhalter (eine der Hauptrollen in der wöchentlichen TV-Serie "Hogan’s Heroes") spielte und in Billy Wilders Coca-Cola-Comedy "One, Two, Three" eine seiner bleibenden Leinwandvorstellungen gab – auf dem Gipfel seiner Popularität gefunden hatten: Doch erst 1993, in Houchang Allahyaris "Höhenangst", konnte er sein großes Können endlich auch im Film unter Beweis stellen.

Sein reiches Leben, von dem Leon Askin heute sagt, es sei ihm mitunter gleichsam "aufgezwungen" worden, zeigt das Porträt Humers nur in einigen Momentaufnahmen: kein in haarsträubenden Details nachgezeichneter Weg in die Emigration, kein Who’s who oder Den-hab‘-ich-auch-gekannt. Die sehr sparsam eingesetzten Fotos des jungen Leon, seiner Eltern und seiner Karriere funktionieren wie Rückblenden, sie verbinden das Gestern mit dem Heute. Gestern, das heißt: die Ermordung des Vaters und der Mutter in Lublin – ein halbes Jahrhundert später sehen wir ihn, Leo, den Sohn, der sich bis heute immer wieder fragt, fragen muß, ober er seine Eltern "verderben lassen" oder womöglich gar fahrlässig gehandelt hat.

"(Über)Leben und Schauspiel" läuft den Anforderungen, die man für gewöhnlich an das Genre "TV-Porträt" stellt, zuwider. Nicht nur läßt Humer kleine "Fehler" zu (der Ton schwankt gelegentlich stark, und zwei Telefonanrufe, die beide mitten in einer Szene erfolgen, werden integriert), er findet auch Bilder dafür, was niemand wirklich gerne sehen mag: Krankheit, Alter, Einsamkeit.

Dem gegenüber: Leon Askins Charisma und das Ende des Films, das Egon Humer einer Traumsequenz gleich inszeniert hat. Der Schauspieler befindet sich auf der leeren Bühne des Burgtheaters, eine Krone auf seinem Haupt und einen schweren Mantel um die Schultern: "King Lear", eine Rolle, die er wenigstens einmal in seinem Leben an genau diesem Ort spielen wollte. Sein Vater, so Askin, wäre gewiß stolz, daß er hier sitze, aber ... "König kann man nicht spielen, König muß man sein".

"Ich war ja kein Star. Ich war ein supporting player, ein Charakterspieler"


 

 

 

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Leon Askin

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