| |
TV-KRITIK
Schuld
& Gedächtnis. Bisweilen
sind sogar im Fernsehen, wo man diese am allerwenigsten vermutete, Formen
filmischer Genauigkeit zu entdecken. Eine kleine Arbeit, kaum mehr als
fünfzig Minuten lang, versteckt im Kunst-Nachtprogramm des ORF, beharrte
Donnerstag abend auf Dingen, die der Television längst fremd geworden
sind: auf Stille, Offenheit und (formale) Freiheit. "Amos Vogel - ein
Porträt" heißt der Film, "Mosaik im Vertrauen" - im Rückgriff auf die
heimische Avantgardegeschichte - der Untertitel dazu. Der österreichische
Dokumentarist Egon Humer hat darin seinen New Yorker Freund Amos Vogel,
80, einen von den Nazis vertriebenen Wiener, verewigt. Als Gründer des
legendären Cinema 16, als Pionier des New York Filmfestivals und als
Theoretiker des Undergroundfilms ist Vogel kein Unbekannter, wenigstens
nicht unter denen, die sich fürs Kino interessieren: Egon Humer gehört
da dazu - sein Film ist geprägt nicht nur vom Willen, sich dem vielschichtigen
Amos Vogel sensitiv zu nähern, sondern auch von dem Versuch, die Inszenierungsformen
der US-Avantgarde, für die Vogel stets vehement gekämpft hat, mit zu
berücksichtigen. Humers Film ist mehr als nur das kleine Porträt eines
großen Mannes: Es zeichnet das Bild einer ganzen Lebenskultur, einer
politischen Wachheit und exemplarischer Cinephilie, ohne dabei die große
Traurigkeit zu vergessen, die der Schuld und dem Gedächtnis der Menschen
unserer Zeit entspringt. St. Grissemann
© Die Presse | Wien
|
|